Forschung

Kinder fordern: „Lest uns vor!“

Aus wissenschaftlicher Sicht ist längst bewiesen: Vorlesen wirkt sich positiv auf die kindliche Entwicklung aus. Es formt neuronale Strukturen für Lernkompetenz, die Sprach- und Ausdrucksfähigkeit wird gefördert und nicht zuletzt auch die Sozialkompetenz gestärkt. Soweit – so gut! Aber wie sieht es im deutschen Kinderalltag aus? In welchen Familien wird den Kindern abends gemütlich vorgelesen? Finden Vorlesestunden im Kindergarten oder in der Schule statt? Bekommen Kinder überhaupt vorgelesen? Ein zentrales Thema, das nicht nur der Stiftung Lesen seit langem unter den Nägeln brennt. Seit nunmehr drei Jahren führt die Deutsche Bahn – in enger Kooperation mit der Stiftung Lesen und der Wochenzeitung DIE ZEIT – jedes Jahr große Vorlesestudien durch, um diese Fragen mit Zahlen zu belegen. So wurden 2007 die Eltern über ihr Vorleseverhalten befragt, 2008 wurde bei Kindern nachgehakt, wie häufig ihnen vorgelesen wird und 2009 stanen die Väter als gesonderte Zielgruppe im Fokus der Umfrage.

Für Heinrich Kreibich, Geschäftsführer der Stiftung Lesen, lautet eine weitere Kernbotschaft der Studie: „Vorleseväter gesucht!“. Denn nur acht Prozent der Kinder bekommen von ihren Vätern vorgelesen, die Mütter lesen dagegen achtmal so häufig vor. Der Mangel an männlichen Vorlese-Vorbildern führt aller Voraussicht nach zu Beeinträchtigungen in der Lesesozialisation – insbesondere bei Jungen. „Warum lesen Väter nicht vor?“, lautet deshalb die aktuelle repräsentative Vorlesestudie 2009.
Die Ergebnisse aller Umfragen finden Sie auf unserer Website www.stiftunglesen.de/grundlagenforschung.


Wozu frühkindliche Leseförderung für Kinder, die noch gar nicht selbst lesen können?

Prof. Dr. Michael Charlton, emeritierter Professor für Entwicklungspsychologie und Pädagogische Psychologie am Psychologischen Institut der Universität Freiburg, gibt hier folgende Antworten.


Praktische Vorlese-Tipps aus der Forschung
  • Es empfiehlt sich, in ruhiger Atmosphäre, fernab von allen Alltagspflichten, vorzulesen. Das gemeinsame Bilderbuchlesen kann zur gemeinsamen Reflexion der Tageserlebnisse genutzt werden („Schau mal – die Ente. So eine haben wir doch heute am Teich gesehen …“) oder zur Vorbereitung eines Ereignisses wie z. B. eines Ausflugs oder eines Arztbesuchs.

    Der Vorteil am Bilderbuchbetrachten ist, dass man – im Gegensatz zu technischen Medien – das Tempo selbst bestimmen kann und sich nach dem Rhythmus des Kindes richten kann. Es lässt Zeit für Kommentare, Erklärungen, Wiederholungen und ganz wichtig, um einen persönlichen Bezug zum Leben des Kindes herzustellen. Auch das eigenständige Überblättern, um besonders interessante Dinge zu suchen, und Themen zu überspringen, vor denen es Angst hat ist dabei möglich und wichtig. Denn selbständiges Filtern von Informationen ist eine wichtige Qualifikation für den späteren Umgang mit der "Medienflut".

    Das Kind führt Regie und bestimmt über Beginn und Ende der Geschichte, kann vor- und zurückblättern, überspringen und auch selbst die „Vorleserolle“ übernehmen.
  • Ein weiterer Vorteil des Buches gegenüber anderen Medien ist der individuell anpassbare Schwierigkeitsgrad: Zuerst lässt man das Kind mit dem Buch hantieren: blättern, reinbeißen, anlutschen, aufstellen etc. Danach beginnt das eigentliche Vorlesen. Der Erwachsene zeigt auf die Bilder und benennt sie mit den entsprechenden Begriffen, um dann eine Geschichte zu den Bildern zu erzählen, die mit der Erlebniswelt des Kindes zusammenhängt.

    In Fernseh- und Computerpräsentationen lässt sich zwar die Vorleserrolle partiell in die mediale Darbietung übertragen, aber auf die persönliche Erfahrungswelt des Kindes und das individuelle Tempo eines Kindes kann ein virtueller Vorleser nicht eingehen.
  • Warum ist das Erzählt-Bekommen und das eigene Erzählen für Kinder so wichtig?

    Erzählungen gliedern lebensgeschichtliche Erfahrungen logisch und zeitlich und bringen sie in einen sinnvollen Zusammenhang. Das Erzählen ermöglicht dem Kind, innere Zustände bewusst wahrzunehmen und zu benennen. Emotionen, die sich benennen lassen, werden greifbarer und verringern das Gefühl, ihnen ausgeliefert zu sein. Eigene und fremde Emotionen lassen sich auf diese Weise regulieren. Die Funktion des Selbstschutzes wird geschult.
  • Für welche Themen interessieren sich Kinder zwischen zwei und sechs Jahren?

    Versorgt, verwöhnt, geliebt werden
    Aber auch die Kehrseite der Liebe: Eifersucht, Wut über Liebesentzug
    Selbst jemanden versorgen (Tiere, Pflanzen, Puppen, Stofftiere)
    Selbständig, unabhängig sein
    Stolz sein auf die eigene Leistung oder den eigenen Besitz


Quelle: "Das Kind und sein Startkapital"
Aus: Helga Theunert (Hrsg.) (2007). Medienkinder von Geburt an. Medienaneignung in den ersten sechs Lebensjahren. Interdisziplinäre Diskurse 2. München (kopaed)