Exklusiv-Interview mit Jan Delay

Als einer der prominenten Lesestart-Botschafter lud der Musiker Jan Delay eine Aschaffenburger Kindergartengruppe zu einer Backstage-Bilderbuchstunde ein und stand Stiftung Lesen für ein Exklusiv-Interview zur Verfügung.

Jan, du bist auf Tour, allein im August warst du auf vier Festivals und findest trotzdem noch Zeit, um dich für die Stiftung Lesen für „Lesestart - die Lese-Initiative für Deutschland“ zu engagieren. Warum hast du dich entschieden „Lesestart“ zu unterstützen?

Jan Delay (JD):
Weil ich Lesen eine gute Sache finde, auch wenn ich selber nicht viel lese. Ich habe das Gefühl, dass das Lesen immer mehr aus dem Radar der kleinen Kinder verschwindet. Das fängt bei mir und den Generationen vor mir an und verschwindet immer mehr. Und wenn ich da irgendwie helfen kann, mache ich das gerne.

Im Rahmen deines Engagements als Botschafter für „Lesestart“ liest du auch für Kinder vor. Ist man da aufgeregt?

JD: Nein, aber ich freue mich, das wird bestimmt lustig. Ich habe vorher noch nie Kindern etwas vorgelesen.

Jan, du engagierst dich für Lesestart, hast aber auch vorher schon soziales Engagement übernommen und beispielsweise deinen Zivildienst bei einer Sozialstation gemacht. Findest du es wichtig, dass man sich sozial und ehrenamtlich engagiert?

JD: Ich fände es gut, wenn jeder in Deutschland „verpflichtet“ würde, Zivildienst zu machen, und zwar Jungen und Mädchen. Diese Erfahrung gibt einem auf jeden Fall viel fürs Leben mit und man lernt sehr, sehr viel und wird mit Sachen konfrontiert, über die man vorher nicht im Geringsten nachgedacht hat.

Was hast du während dieser Zeit gelernt?

JD: Alles über den Tod, über das Älterwerden, das Alleinsein, das Verschwinden der Freunde und Bekannten, wie es ist, nicht mehr klar zu kommen, nicht lebensfähig zu sein. Ich wurde quasi mit allem Schwierigen konfrontiert, das einen erwarten kann, wenn man älter wird.

Du textest und komponierst selbst, bist ein sehr kreativer Mensch. Was glaubst du, wie wird man kreativ? Meinst du man kann das bei Kindern fördern?

JD: Ich hab da keine Ahnung, weil ich mich nicht damit auseinandersetze - ich bin es ja nur, und kann deshalb nur von mir sprechen. Bei mir sind das auf jeden Fall auch die Gene. Meine Eltern sind beide kreativ und haben das auch entsprechend gefördert. Letztlich würde ich immer sagen, es sind zu  50 Prozent deine Familie, deine Gene und die anderen 50 Prozent sind dein Umfeld.

Du hast selbst schon gesagt, du kommst aus einem künstlerischen Elternhaus. Musik hat bei euch eine große Rolle gespielt - Bücher auch?

JD: Ich hab zwar gelesen und hab auch viel vorgelesen bekommen, aber viel wichtiger war der Schallplattenschrank. Wir waren nicht so eine Bildungsbürgerfamilie.

Gibt es irgendein Buch aus deiner Kindheit, an das du dich erinnerst?
 
JD: Ja, mehrere. Als ich ganz klein war, war mein Lieblingsbuch „Billi Ballon“ und „Oh wie schön ist Panama“. Und als ich selber lesen konnte auf jeden Fall „Oliver Twist“ und  „Flusspiraten vom Mississippi“. So mit 14 Jahren hab ich dann „Baader-Meinhof-Komplex“ gelesen. Das ist bis heute mein allerliebstes Lieblingsbuch.

Liest du jemandem vor?

Höchstens meinen Sängerinnen, wenn ich ihnen neue Texte beibringe.

Viele Kinder bekommen Ideen, was sie einmal werden wollen, durch Bücher. Gab es so etwas bei dir?

JD: Nein, das sind für mich eher Filme, weil du da einfach stärker visuell eingebunden bist und Musik dabei ist. Da bist du noch mehr gefangen. Das Gute an Büchern ist ja, dass deine Fantasie mehr angeregt wird, weil die Bilder nicht mitgeliefert werden. Die musst du dir im Kopf dazu selber machen. Und deshalb wird man da nicht so automatisch angefixt auf Berufe, oder ich zumindest nicht. Das waren dann wirklich eher die Filme, weil da die Bilder mit dabei waren, zum Beispiel „Der Rote Korsar“ - da ist man dann drei Wochen Pirat. Oder Du guckst „Star Wars“ und bist dann erst mal zehn Jahre ein Jedi-Ritter.

Lesestart wendet sich an Eltern von Einjährigen Kindern. Hast du einen Tipp für alle Eltern in Deutschland?

JD: Gebt Euren Kindern gute Musik zu hören!

Du textest selbst - Sprache ist dir also ganz wichtig. Was inspiriert dich?

JD: Mich inspirieren Sachen, die ich nicht cool finde, Sachen, die ich hasse. Und generell inspiriert mich alles und jeder, der gut mit deutscher Sprache umgehen kann. Auch bevor ich gerappt habe, mochte ich Wortspiele, mochte ich Leute wie Erich Fried oder Robert Gernhardt. Leute die eine eigene Art und Weise gefunden haben, mit dieser sehr stockenden und komplizierten, vor Konsonanten überquellenden Sprache umzugehen und sie zum Rollen zu bringen. Davon bin ich Fan. Auch von Leuten wie Heinz Strunk, der eine ganz derbe Sprache hat. Da gibt es viele, die ich gut finde. Und das muss auch nichts mit Musik zu tun haben, da geht es einfach nur um den Umgang mit der Sprache.

Du selbst hast ja auch einen ganz speziellen Umgang mit Sprache. Deine Pseudonyme sind Wortspiele. Was bedeutet dir das?

JD: Das ist einfach nur ein Spiel, so was wie ein Hobby.

Jan, du hast eine Vorbildfunktion für viele Jugendliche. Hat man da ein Verantwortungsgefühl?

JD: Ist wohl so. Allerdings sollte man sich dem nicht total ergeben, denn dann ist man nicht mehr der Künstler, der man eigentlich ist. Natürlich soll man den Kindern nicht erzählen: Rennt los, kauft Euch Markenklamotten und nehmt Drogen, aber man sollte sich auch nicht sich hinstellen und sagen: Holt Euch Vollkorn-Gemüse und Sandalen. Man muss schon immer man selbst bleiben. Nach den ersten Feedbacks merkt man schnell, was man eigentlich verbrochen hat und was man für Schaden anrichten kann. Aber man darf sich dann nicht komplett verstellen und zensieren, weil man sich dann auch als Künstler beschneidet. Der Witz ist eigentlich, die glorreiche Mitte zu finden. Und deshalb mache ich das so: Wenn ich Texte schreibe, erzähle ich, was ich erzählen will. Da ist es mir auch egal, ob Achtjährige zuhören oder 80-Jährige. Das bin ich und das muss aus mir raus. 
Und auf der anderen Seite mache ich auch solche Sachen, wie diese Aktion mit der Stiftung Lesen, um da dann parallel zur Musik den Gut-Menschen zu zeigen und die Vorbildfunktion zu erfüllen. Das mache ich gerne, da hab ich Bock drauf.

Hast du selbst Vorbilder?

JD: Klar. Aber das sind sehr viele. Ich komme vom Hip Hop und da geht es darum, dass du dich an allem bedienen kannst und dir immer das rausziehst, was dir gefällt. Und so mache ich das eigentlich auch mit Vorbildern. Es gibt zum Beispiel ein Vorbild oder mehrere Vorbilder für den Sound der Musik. Es gibt Vorbilder für politische Denkweisen, es gibt Vorbilder für Humor, es gibt Vorbilder wie Udo Lindenberg, denn so will ich mit 62 Jahren sein. Es gibt für alles ein Vorbild, aber es gibt nicht das eine große Vorbild.

Du hast das Stichwort Hip Hop genannt. Da spielt die Sprache eine tragende Rolle. Hat die einen größeren Anteil als die Melodie? Was kommt denn zuerst?

JD: Die Sprache. Melodie ist im Hip Hop eigentlich eher nebensächlich.

Du schreibst deine Texte selber, bist also auch Schriftsteller. Liest man da anders, liest man Bücher kritischer?

JD: Nein, auf keinen Fall. Es ist nur so, dass man in dem Moment aufmerksamer liest, wo man merkt, hier könnte mich was inspirieren. Wo man merkt, hier ist jemand der schreibt geil. Diese Sprache, die fesselt mich irgendwie. Es gibt auch ein paar Journalisten, die gut schreiben. Und dann lese ich das viel aufgeregter und begeisterter, weil ich dann wieder so eine Inspiration spüre oder merke da gibt es welche, die sehen das so wie ich. Und dann lese ich anders.

Wenn du ein Buch schreiben würdest, worüber wäre das?

JD: Mein erstes Buch wäre über mich und über mein Leben und über Hip Hop, wie es früher war. Ich allein hab jetzt Hip Hop-mäßig 17 Jahre auf dem Buckel und weiß wie es vor 17 Jahren aussah. Die meisten, die heute Hip Hop hören sind gerade mal 17 Jahre alt. Das heißt, da gibt es extremen Nachrichten-Nachholbedarf und dafür bin ich auf jeden Fall geeignet. Und ich hab die beste Fotografien-Sammlung aus den alten Zeiten des Hip Hop, die man sich nur vorstellen kann

Was liest du zurzeit?

JD: Im Moment lese ich „Let the good times roll“, die Biografie von Horst Fascher. Das ist der Typ, der die Beatles nach Hamburg geholt hat und den Starclub gemacht hat.

Und wann liest du am liebsten?

JD: Im Urlaub.

Letzte Frage: Was sind deine nächsten Pläne?

JD: Im Moment gibt es nichts anderes als eine neue Platte zu machen und die Festivals.

Vielen Dank, Jan!


Das Interview führte Irina Wartenpfuhl, Stiftung Lesen.